„Worms will weiter!“

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WO! im Gespräch mit dem unabhängigen OB-Kandidaten Peter Englert

Was die Spatzen schon länger von den Dächern pfeifen, wird Anfang September bekannt gegeben. Peter Englert wird als unabhängiger und parteiloser Kandidat bei der OB-Wahl am 4. November antreten. Englert ist dank seiner vielfältigen Aktivitäten als Backfischfestblogger, ausgebildeter Schauspieler oder Sänger der Döftels bekannt wie ein – im wahrsten Sinne – „bunter Hund“ in der Stadt. Bei jungen Leuten auf jeden Fall, aber selbst mittlere und ältere Semester haben den Typen mit dem Schalk im Nacken in ihr Herz geschlossen. Insofern war es nicht mehr als konsequent, dass er an der Spitze einer Bewegung steht, die sich „#WormsWillWeiter“ nennt. Ihr Ziel: „Eine Stadt, die sich selbst kritisch hinterfragt, endlich digital wird und den nachfolgenden Generationen keinen riesigen Schuldenberg hinterlässt.“ In der Vergangenheit ist Englert oft durch kreative Aktionen aufgefallen, die er auch als OB einbringen möchte. Quasi als kreativer Gegenentwurf zu K*ssel und K*ssel“. Für den Wahlkampf hat Peter Englert einige Ideen gesammelt, wie man Worms voran bringen könnte.

WO! Den Namen Peter Englert verbinden viele Wormser mit der Satireaktion „Terence Hill Brücke“. Das war ein Spaß, über den sich viele Wormser amüsiert haben. Wie ernst ist es dir denn mit der OB-Kandidatur?
Ich würde nicht antreten, wenn ich es nicht ernst meinen würde. Dazu ist das Amt des Stadtoberhauptes viel zu wichtig, um daraus einen Klamauk zu machen. Wenn man die Welt verändern will, muss man im Kleinen damit anfangen. Und in meiner Heimstadt Worms liegt schließlich einiges im Argen.

WO! Du bist Sänger, Blogger, Schauspieler – warum jetzt plötzlich Oberbürgermeister?
Die Idee ist bereits vor einem Jahr im Bekanntenkreis entstanden, als über die Frage diskutiert wurde, wer wohl nächster OB in Worms wird. Während die einen überzeugt waren, dass Kissel auf keinen Fall mehr antreten, geschweige denn überhaupt gewählt werde, waren die anderen sicher, dass Kissel nochmal antreten und ganz sicher gewinnen wird. Da hab ich damals schon gedacht: Wenn Herr Kissel es nochmal wissen will, dann trete ich auch an.

WO! Du bist 28 Jahre und hast keinerlei politische Erfahrung. Was willst du besser machen als der amtierende OB?
Ich muss feststellen, dass die Politik immer häufiger am Willen des Bürgers vorbei entscheidet. Gerade in Worms findet manchmal von oben herab eine „Friss oder stirb-Politik“ statt, die eben nicht jedem Bürger gefällt. Ich möchte Politik auf Augenhöhe machen und gemeinsam mit den Bürgern vorantreiben, was am Besten für unsere Stadt ist. Man muss den Leuten Lösungen präsentieren, anstatt zu sagen: „Das geht nicht!“

WO! Der OB hat aber 15 Jahre Erfahrung im Amt und ein fundiertes Verwaltungswissen.
Erfahrung als OB kann ich tatsächlich nicht vorweisen. Aber wer kann das schon? Was mir fehlt, ist Verwaltungswissen, das ist richtig. Aber das kann man sich in der heutigen Zeit mittels Internet im Bedarfsfall „aneignen“. Ich glaube, dass für den Job eines Oberbürgermeisters zukünftig mehr Kreativität gefragt ist. Die Zeit der Sonnenkönige, die darüber verfügen, was mit dem Geld der Leute passiert, ist vorbei. Wenn man seine Bürger mehr einbindet bei der Entscheidungsfindung, wie man öffentliche Gelder einsetzt, motiviert man sie mehr, als wenn man für über eine Million Euro ein Landesfest mit Matthias Schweighöfer und Max Giesinger ausrichtet.

WO! Man kann aber nicht vor jeder Entscheidung erst den Bürger fragen….
Ich rede auch nicht von jeder Entscheidung, aber zumindest bei wichtigen Fragen. In der heutigen Zeit, in der fast jeder Internet oder Handy hat, kann man sich bei seinen Bürgern vor Entscheidungen, die ihn viel Geld kosten könnten, ein Meinungsbild einholen. Eine Stadt muss gemeinsam mit den Bürgern geführt und gestaltet werden – und nicht an ihnen vorbei.

WO! Dann beteiligen sich 10% an der Befragung, Ist das dann repräsentativ?
Sind 25 Prozent der wahlberechtigten Wormser, die beim letzten Mal unseren OB gewählt haben, etwa repräsentativ? In einer Demokratie können sich alle einbringen und wenn das nur 10% tun, dann können sich die restlichen 90% anschließend nicht beschweren. Ich habe in den letzten Wochen sehr oft gehört: „Ich hab den Kissel beim letzten Mal nicht gewählt!“ Wenn man aber nachfragt, wen sie stattdessen gewählt haben, hört man oft : „Niemand. Die Politiker sind doch alle gleich…“ Deswegen kann ich den knapp 50 Prozent Wormserinnen und Wormsern, die bei der letzten OB-Wahl zuhause geblieben sind, versprechen, dass ich definitiv ein anderer Typ OB wäre.

WO! Und wie will dieser „andere OB“ das Hauptproblem in den Griff bekommen?
Die Stadt schleppt einen gewaltigen Schuldenberg mit sich herum und es werden jedes Jahr 30 – 40 Millionen mehr… Eine Stadt ist vergleichbar mit einem Unternehmen. Auch hier muss man schauen, wie man die Einnahmen steigern und die Ausgaben senken kann. Die Ausgaben kann man senken, in dem man z.B. in der Verwaltung effektiver und effizienter arbeitet. Wenn ich jeden Sommer über die meterlangen Schlangen in der Stadtverwaltung sehe, frage ich mich, warum man das alles nicht schon längst Online machen kann? Ich denke, alleine in diesem Bereich haben wir noch einiges an Einsparpotential. Außerdem muss der Wormser Haushalt genau überprüft und vor allem transparenter werden, damit die Bürger wissen, wohin ihr Geld fließt. Mein Ziel als OB wäre es, dass wir spätestens 2027 über einen ausgeglichenen Haushalt verfügen.

WO! Schwieriger wird es wohl, die Einnahmen zu steigern. Etwa durch eine Erhöhung des Gewerbesteuer-Satzes? Der ist jetzt schon bedenklich hoch. FDP-Kandidatin Ricarda Artelt etwa fordert eine Senkung des Gewerbesteuersatzes.
Die Gewerbesteuer ist eine der wichtigsten Einnahmequellen der Stadt. Eine Senkung der Gewerbesteuer wäre nur sinnvoll, wenn man genug Platz hat, damit sich überhaupt neues Gewerbe ansiedeln kann. Aktuell ist die Stadt auf der Suche nach Gewerbeflächen. Unsere letzten freien Kapazitäten haben wir überwiegend an Logistiker verpachtet, die mehr Verkehr verursachen, unsere Straßen kaputtmachen und zudem noch schlechte Löhne zahlen, was wiederum in Form von höheren Sozialleistungen der Stadt negativ zu Buche schlägt. Von daher ist vor der zukünftigen Ansiedlung von Unternehmen Kreativität gefragt.

WO! Aber wie will man ohne politische Anreize, wie z.B. einer niedrigen Gewerbesteuer, neues Gewerbe nach Worms locken?
Zum einen kann man auch politische Anreize setzen, ohne etwas am Gewerbesteuersatz zu verändern, z.B. durch bezahlbare Büromieten oder unbürokratischere Auflagen. Zum anderen muss man gar nicht mal neues Gewerbe nach Worms locken, sondern das vorhandene Potential der Hochschule Worms besser nutzen. Die Hochschule Worms ist ein anerkannter Standort für Tourismus, Wirtschaft, Handel und angewandte Informatik. Wir bilden in diesen Bereichen, in denen es allesamt in Worms kränkelt, Jahr für Jahr Hunderte junger Leute aus, die anschließend des Jobs wegen aus Worms wegziehen. Da geht ein riesiges Potential verloren, das anschließend in Wiesbaden, Mainz oder Frankfurt ein Start-Up-Unternehmen gründet.

WO! Aber wie will man die Studenten in Worms halten?
Man muss ihnen frühzeitig zu verstehen geben, dass sie nach ihrem Studium weiterhin in Worms erwünscht sind, indem die Stadt Projekte der Hochschule unterstützt, die darauf abzielen, junge Unternehmen zu gründen. Eine Vision, die ich als OB gerne umsetzen würde, trägt den Projektnamen „Silicon Worms“. Konkret gemeint ist damit die Zusammenführung von verschiedenen Unternehmen aus der Kreativbranche, wie Werbeagenturen, Grafikdesigner oder Verlage, sowie Unternehmen aus der IT-Branche, wie z.B. Ersteller von Homepages, Werbefilmen oder Entwickler von Apps, Clouds, etc. an einem Standort in Worms. Das ist die Branche der Zukunft und diese sorgt für bessere Arbeitsplätze als im Logistikbereich. Nebenbei bemerkt, braucht man hierfür auch keine großen Flächen.

WO! Klingt spannend, aber wo soll dieses Gründerzentrum entstehen?
Mir schwebt diesbezüglich als Standort die EbWo in der Monsheimer Straße vor, die bekanntlich aufs Salamandergelände ziehen soll. Das ist zwar in einem Wohngebiet, aber wir reden ja hier nicht von einem Gewerbe, das Lärm oder Abgase verursacht. Von der wesentlich geringeren Verkehrsentwicklung, die hierbei anfällt, mal ganz abgesehen. Zudem ist der Standort fußläufig von der Hochschule Worms zu erreichen, aber ebenso gut an die Autobahn angeschlossen, falls jemand von auswärts anreist.

WO! „Silicon Worms“ klingt nach einem Projekt, das eher langfristig Geld in die Stadtkassen spült. Wie kann man kurzfristig die Einnahmen der Stadt steigern?
Indem man versucht, Worms als Wohnort zu etablieren. Es gibt viele Menschen, die z.B. in Ludwigshafen oder Mannheim arbeiten, aber lieber in Worms wohnen. Nicht nur, weil die Mieten günstiger sind, sondern auch, weil unsere Stadt einfach schöner ist, alleine was die vielen Grünflächen und Stadtparks angeht. Man kann bei uns vielfältige Sport- und Freizeitaktivitäten ausüben und wir brauchen uns diesbezüglich nicht vor Großstädten zu verstecken. Von daher müssen wir hier dringend neuen Wohnraum ausweisen. Mir schwebt z.B. die Entwicklung eines attraktiven Wohnquartiers in der Hafenstraße vor. Dort stehen so viele Hallen und Fabriken leer, die man nutzen könnte. Wohnen, direkt am Rhein. Das ist nicht nur attraktiv, sondern auch ideal für Pendler, die über die B9 zur Arbeit fahren.

HINWEIS:
In der Wo! Oktober-Ausgabe unterhalten wir uns mit Peter Englert
und den anderen OB-Kandidaten über Themen wie Innenstadtentwicklung,
Tourismus, Kultur oder ein fehlendes Hotel in Worms.