Die Sache mit der Macht

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oder Ein (Sonnen) König tritt nicht freiwillig ab

Macht kann manchmal wie eine Droge sein, an der man sich berauscht, bis man die Welt um sich herum vergisst. Man beginnt, in einem Vakuum zu leben, in dem man nicht mehr empfänglich ist für die feinen Nuancen anderer Stimmungen und kommt irgendwann zu der Selbsterkenntnis, dass man nicht ersetzbar ist. Besonders Politiker, wie auch der langjährige Oberbürgermeister Michael Kissel, scheinen immer wieder hierfür anfällig zu sein.

Die Liste mit Personen, die von der Macht nicht ablassen konnten, ist lang. Dabei verkennen sie, dass die ihnen gegebene Macht lediglich geliehen ist. Geliehen vom Volk, das dann auch darüber entscheidet, wann sie selbige wieder zurückfordert und einem anderen Menschen verleihen möchte. Helmut Kohl war so ein Mann, der Amtszeit um Amtszeit im Kanzleramt verharrte, bis er womöglich glaubte, er sei das Kanzleramt. Legendär der SPD Politiker Gerhard Schröder, der noch am Abend seiner Abwahl dachte, dass er weiterhin der einzig legitime Kanzler sei. Ganz so schlimm war es bei Michael Kissel nicht. Er verschaffte sich zumindest am Abend seiner Abwahl einen würdevollen Auftritt und stattete dem frisch gewählten Amtsnachfolger Adolf Kessel einen Besuch auf dessen Wahlparty ab. Er hielt mit leicht zittriger Stimme eine angemessene Rede und zeigte in Anbetracht dieser politischen Demütigung eine Größe, die er nicht immer hatte, wenn er mit dem Rücken zur Wand stand. Dennoch hätte es für Michael Kissel und seine Partei soweit nicht kommen müssen. Kissel betonte während des Wahlkampfes immer wieder, dass er sich natürlich bewusst darüber sei, dass er viele Entscheidungen getroffen hätte, mit denen viele nicht einverstanden waren und gab sich damit ein wenig selbstreflexiv. Es gehört zum Job eines Politikers, Entscheidungen zu treffen, die der eine toll findet und der andere schlicht und ergreifend doof. Es ist das „wie“, das den feinen Unterschied macht und hier hat Michael Kissel in Worms seit vielen Jahren polarisiert. Kissel ist ein Politiker alter Schule, geprägt vom Habitus der Macht, des sattem Basta, mit dem man nervige Kritik beiseiteschiebt. Es ist aber auch sein Tonfall, der wie aus der Zeit gefallen scheint. Bürger wollen gehört werden, ansonsten werden sie ungemütlich oder fangen im schlimmsten Falle an, Parteien zu wählen, die nicht immer mit unserem demokratischen Grundverständnis vereinbar sind. Eine Erfahrung, die gerade auch Angela Merkel macht. Die steht zwar nicht gerade in Verdacht, eine hemdsärmelige Basta-Politikerin zu sein, neigt aber ebenso dazu, „ihr“ Volk zu überhören.

Der Wendepunkt
Spätestens bei der Diskussion rund um das Haus am Dom hätte Kissel mit seinem politischen Gespür merken müssen, dass er den Kontakt zu vielen Wormsern verliert. Statt sich auf die Bürger zuzubewegen, stellte er sich hin, verunglimpfte den ein oder anderen und versuchte sich mit juristischen Argumenten aus der Schlinge des umstrittenen Hauses zu befreien. Das „Haus am Dom“ mag bei der aktuellen Wahl keine offensichtliche Rolle gespielt haben, aber es markierte einen Wendepunkt in der Karriere des Michael Kissel und ist seitdem Symbol dafür, wie einige wenige gegen das Interesse von vielen handeln. Es gab seitdem einige Zeichen dafür, dass der Profipolitiker den Rückhalt vieler Bürger in Worms verloren hat. Nur sehen wollte er diese nicht. Der Ton in den Sozialen Netzwerken verschärfte sich zunehmend, bis hin zu nicht akzeptablen Beleidigungen gegenüber Michael Kissel. Auch in der SPD Worms mehrten sich intern kritische Stimmen, während man nach außen hin versuchte, mit einem „nibelungischen“ Schulterschluss Einigkeit zu demonstrieren. Es ist allerding auch kein Geheimnis, dass Kissels eigenmächtig verkündete Kür zum Oberbürgermeister-Kandidaten bei vielen Genossen nicht gerade auf Gegenliebe stieß, aber auch hier zeigte sich der Oberbürgermeister stoisch. Für viele wirkte diese erneute Kandidatur, als ginge es ihm nicht mehr um die Stadt, sondern darum, zukünftig nicht Däumchen drehend auf der Couch sitzen zu müssen, während seine Lebensgefährtin mit beiden Beinen in ihrer erfolgreichen politischen Karriere verankert ist. Ein Kissel als Rentner oder einfach irgendwo in einem Aufsicht- oder Verwaltungsrat? Das passt nicht zum Selbstbild eines hemdsärmeligen Politikers, der schon mal als Hauptargument, warum er für den Job geeignet sei, stolz ein: „Weil ich’s kann“, heraus prustete.

Die kleinen Sorgen der Bürger
Nach seiner ersten Wahlniederlage am 4. November ging der Oberbürgermeister in Selbstklausur und verkündete nach wenigen Tagen, dass er die Botschaft verstanden hätte. Er müsse sich mehr um die vermeintlich kleinen Sorgen der Wormser kümmern. Eine Einsicht, die ein wenig zu spät kam. Tatsächlich hat der gebürtige Wormser diesen Spagat nie besonders gut hinbekommen. Michael Kissel war mehr der Mann für die großen Zusammenhänge. Oftmals hat er dies auch richtig gut gemacht. Hat Worms mit Würde repräsentiert, zeigte sich wortgewandt, wenn es darum ging, Menschen von außerhalb seine Stadt zu präsentieren. Man hatte irgendwann tatsächlich den Eindruck, dass dieser Mann seinen eigenen Worten glaubt, wenn er davon sprach, dass Worms längst eine Vorreiterrolle in der Metropolregion Rhein-Neckar hätte und er unsere Nibelungenstadt als bedeutende europäische Kulturstadt sah. Es mag sein, dass auf der politischen Bühne manche Kommune neidvoll auf unsere Stadt schaut und es ist auch richtig, wenn Kissel die Bedeutung der Nibelungen-Festspiele betont. Doch das alles verfing sich nicht bei vielen Wormsern. Die interessierte vielmehr das Alltägliche. Kaputte Straßen, marode Schulen, der vermeintliche Niedergang der Innenstadt sowie ein gefühlter Anstieg der Kriminalität. Gefühle sind individuell und oftmals irrational, denen man nur schwer mit Sachargumenten begegnen kann. Da nützt es herzlich wenig zu versuchen, den Wähler mit den Zahlen über getätigte Schulinvestitionen zu überzeugen. Entscheidend ist, was der Bürger sieht, und das fühlt sich für viele in den letzten Jahren eben nicht gut an.

Ein letzter Rettungsversuch
Als Michael Kissel kurz vor der Stichwahl ein Schreiben im Nibelungen Kurier veröffentlichte, das auch als Briefkastensendung in vielen Wormser Haushalten landete, wirkte dies wie der verzweifelte Versuch eines Kindes, das unbedingt weiter mitspielen möchte, dem man aber sein Versprechen, nicht mehr unfair zu spielen, einfach nicht mehr glauben möchte. Für einen Politiker ist nichts schlimmer als der Liebesentzug durch den Wähler. Genau das ist unserem Oberbürgermeister, der am 30. Juni 2019 für 16 Jahre die Geschicke dieser Stadt gelenkt hat, passiert. Auf die Wormser SPD warten indes neue Herausforderungen (siehe Kommentar). Am 26. Mai 2019 findet in Worms die Kommunalwahl statt, die über die Neubesetzung des Stadtrates entscheidet. Die AfD kündigte vor der OB Wahl an, bei selbiger keinen Kandidaten aufzustellen, nutzte aber die Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass man aber damit rechne, in den Wormser Stadtrat einzuziehen. Es ist zu befürchten, dass genau dies passieren wird.