Antrag des Jugendparlaments stößt im Stadtrat auf großen Widerstand

Rund 17 Monate Deutschland, geprägt von Corona und dessen Bekämpfungsmaßnahmen, haben den Alltag aller Bevölkerungsgruppen gravierend verändert. Die Krise hat die Jugend dabei in ihrer empfindlichsten Entwicklungsphase getroffen. Zudem wurden sie politisch und medial immer wieder als Pandemietreiber tituliert. Grund genug für das Jugendparlament, auf diese Problematik aufmerksam zu machen und eine kleine Anerkennung einzufordern.

„DIE STADT SOLL JUGENDLICHEN IN WORMS FREIZEITGUTSCHEINE ZUR VERFÜGUNG STELLEN“

DANIEL USNER (20), Vorsitzender des Jugendparlaments Worms, formulierte es bei einer Ansprache im Stadtrat dementsprechend: „Wer zu Beginn der Krise 16 Jahre alt war, ist heute bereits 18.(…) Ich stelle nicht die Maßnahmen in Frage, vielmehr wollen wir den entstandenen Schaden begrenzen, da junge Menschen in der wichtigsten Entwicklungszeit auf Vieles verzichten mussten.“ Anlass dieser Ansprache war ein Antrag, den das Parlament in den Stadtrat einbrachte. Darin hieß es: „Die Stadt soll Jugendlichen in Worms Freizeitgutscheine zur Verfügung stellen, welche sie bei Wormser Unternehmen einlösen oder ihren Vereinen als de-facto Spende übergeben können“. Usner fügte hinzu, dass man sich einen Gutscheinbetrag von 10 Euro überlegt hätte. Dies sei mehr eine Geste der Anerkennung und zugleich ein kleiner Beitrag zur Förderung des Wirtschaftsstandortes Worms. Es folgten Stellungnahmen des Bereichs Finanzen und des Bereichs Soziales, Jugend und Wohnen. Man brauchte kein Hellseher zu sein, um zu prognostizieren, dass der Antrag im Rathaus auf wenig Gegenliebe stieß.

BEREICHE LEHNEN ANTRAG AB

So verwies der Bereich Finanzen einmal mehr darauf, dass man den unrühmlichen 13. Platz in Sachen Verschuldung habe und dieser Antrag schlicht und ergreifend die finanzielle Situation der Stadt verschlechtere. Zudem handele es sich um eine freiwillige Leistung, sodass dies haushaltsrechtlich nicht möglich sei. Nicht besser fiel die Stellungnahme des Bereichs Jugend aus, nur etwas freundlicher formuliert. Dort hieß es: „Es ist wichtig, jungen Menschen die Teilhabe zu ermöglichen. Gutscheine halten wir aber nicht für sinnvoll und sehen auch keinen Mehrwert.“ Ganz im Sinne verständiger Sozialpädagogik ergänzte man, dass man natürlich dem Wunsch nach Erlebnissen nachkommen kommen möchte und verwies auf Events wie „Jugend im Park“. Oberbürgermeister ADOLF KESSEL fiel hierzu noch ein Nacht-Fußballturnier (!) ein. Was folgte, waren schließlich die Reaktionen der Stadtratsfraktionen. Und die verliefen stets nach dem gleichen Muster. Man bedankte sich beim Jugendparlament für das Engagement, um dann zu erklären, dass man die Gutscheine nicht als Lösung erachte. WALDEMAR HERDER, Dezernent für den Bereich Soziales, Jugend und Wohnen, erklärte in diesem Sinne: „Ja, die Kinder und Jugendlichen gehören zu den Verlierern.“ Allerdings hätte man mit Gutscheinaktionen keine guten Erfahrungen gemacht. So hätte man 20 Euro Media Markt Gutscheine unter jungen Wormsern verteilt. Eingelöst wurden jedoch nur 20 Prozent. Gefragt, um welche Zielgruppe es denn ginge und um welchen Betrag es sich handele, erläuterte Usner, dass man gemäß des Jugendparlaments die Gruppen zwischen 14 und 21 im Blick habe. Das ist die Gruppe der Wahlberechtigten. Als Aufwendung sprach er von einem Betrag in Höhe von 60.000 Euro. Nach einer ausgiebigen Diskussion wurde der Antrag zwar nicht abgelehnt, aber in den Jugendhilfeausschuss zur weiteren Beratung verwiesen. Immerhin verwies Herder darauf, dass der Ausschuss das Thema schnellstmöglich behandeln müsse und nicht erst in einem halben Jahr.

WO! IM GESPRÄCH MIT DEM JUGENDPARLAMENT

Eine Woche war vergangen seit der Diskussion im Stadtrat, die der Antrag auslöste. Die Spätsommersonne schien kräftig, als wir uns mit vier Mitgliedern des Jugendparlaments trafen, um mit ihnen über den Antrag und generell über die Corona Zeit zu sprechen. Zunächst machte unser Redakteur DANIEL USNER, der in Mainz seit letztem Jahr studiert, darauf aufmerksam, dass es das Thema nicht auf die Tagesordnung der kommenden Sitzung des Jugendhilfeausschusses am 29. September geschafft habe. Usner entgegnete, dass ihm das ebenfalls aufgefallen sei und er dementsprechend intervenieren möchte. Auf die Frage, wie sie die Reaktionen der erwachsenen Ratsmitglieder empfanden, antworteten alle vier, dass sie zwar mit der Ablehnung der Finanzverwaltung rechneten, aber doch sehr enttäuscht waren, dass der Widerstand gegen die Gutscheinaktion so enorm war. Natürlich wisse man um die Haushaltssituation der Stadt, dennoch müsse es doch möglich sein, eine Form der Wertschätzung zu zeigen. Auf die Frage, warum ein Jugendevent wie das Fest im Park keine Lösung sei, erklärte ANANYA KHANTACHAI (16, Eleonoren-Gymnasium), dass es in Worms rund 6.000 Jugendliche gäbe. Von dieser Gruppe seien derzeit rund 27 Prozent vollständig geimpft . Die Gründe seien unterschiedlich. Viele wollen, bekommen es aber nicht durch die Eltern erlaubt. Andere warten wiederum auf einen Termin und andere sehen im Moment noch keinen Grund. Dem gegenüber steht, dass die aktuelle Corona-Bekämpfungsverordnung bei einer Veranstaltung im Freien allerdings nur 1.000 Ungeimpfte erlauben würde. Usner betonte, dass man mit dem Angebot schließlich alle erreichen wolle und das sei eben mit einem Fest nicht möglich. TARAN VEER KAUR SINGH (20), die das Gauß-Gymnasium besucht, ergänzte: „Es war für uns verletzend, nicht so viel Beachtung zu finden und wir waren dementsprechend enttäuscht“. HANNAH IMMESBERGER (15) brachte es schließlich auf den Punkt: „Man ist nur einmal jung! Jeder Erwachsene sollte zurückdenken, was Jugend für jeden selbst bedeutete“. Wir wollen wissen, wie die vier jungen Menschen vor allem die Zeit der Lockdowns erlebt haben? ANANYA erzählt, dass sie insbesondere die Winterzeit in schlechter Erinnerung hat. Schule vor Ort fand nicht statt und zudem durfte man sich nur mit einer weiteren Person treffen. TARAN berichtet, dass sie einige junge Menschen kenne, die emotional unter dieser Einsamkeit stark gelitten hätten. Ebenso kenne sie einige, die sich in diesen langen Monaten negativ hinsichtlich ihres Charakters entwickelt haben. Viele vermissten zudem den gemeinsamen Schulbesuch, zumal vieles im Distanzunterricht nicht klappte, da jeder Lehrer ein eigenes System entwickelte oder unzureichend organisiert war. Natürlich erforderte der Distanzunterricht auch viel Selbstdisziplin. Etwas, das nicht jeder Jugendliche in dieser Sturm- und Drangphase aufbringen konnte. Das Bildungsdefizit dürfte dementsprechend enorm sein. DANIEL USNER erzählt, dass er seit einem halben Jahr studiere und bisher keinen seiner Kommilitonen kennenlernte, da es nach wie vor keine Präsenzvorlesungen gebe. Der engagierte junge Mann betonte aber auch, dass man nicht jammern wolle. Man sei sich auch als junger Mensch der gesellschaftlichen Verantwortung bewusst. Dennoch kritisiert er verschiedene Maßnahmen: „Die Ausgangssperre war für mich nicht nachvollziehbar“. Auf Unverständnis stößt bei ihm auch, dass man medial immer wieder Jugendliche als unverantwortlich und Pandemietreiber darstellte. Das sei so einfach nicht wahr. Für die vier jungen Menschen steht fest, es ist nun an der Zeit, jungen Leuten zu zeigen, dass sie gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft sind, deren Sorgen und Ängste man ernst nimmt. Es muss sicherlich kein Gutschein sein, aber es sollte etwas sein, womit man eben alle Minderjährigen in Worms erreichen kann.