„DAS BROT IST DAS BROT DES KÜNSTLERS!“

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Ein Abend zugunsten der Kleinkunstbühne Lincoln-Theater

19. September 2020 | Paternusbad Worms-Pfeddersheim:

Traditionell sollte der Lincoln-Benefiz-Abend bereits im Mai stattfinden, doch Corona und der Lockdown verhinderten, dass man das zehnte Jubiläum der ehrenamtlich geführten Bühne auf selbiger feiern konnte. Im Rahmen des Pfeddersheimer Kultursommers holte man dies gleich an zwei Abenden nach. Zugleich erhielt der Benefiz-Abend eine ganz neue Bedeutung, denn nun geht es um das Überleben.

Zu Beginn des Abends schilderte der Moderator und Mitglied des Theaterkollektivs Szene9, BENEDICT SCHULZ, die problematischen Auswirkungen der Corona-Krise auf das Lincoln-Theater, betonte aber auch, dass „wir heute Abend da sind, um die Kultur zu feiern“, und die zeigte sich an diesem Abend sehr facettenreich. Der erste Block gehörte vor allem der Sprachkunst.

Der Poetry Slammer TOBIAS BEITZEL aus dem kleinen Bad Berleburg begeisterte mit messerscharfen Texten, deren beißende Ironie zuweilen für erste Lachkaskaden im spätsommerlichen Paternusbad, dem Ort des Pfeddersheimer Kultursommers, sorgte. Beitzel analysierte treffend das Zitat „Applaus, sei das Brot des Künstlers“ und folgerte: „Nein! Das Brot ist das Brot des Künstlers und das muss er auch irgendwie bezahlen“. In seinem Text „Hutbürger“ bezog er sich auf jenen unglücklich agierenden Mann am Rande einer Pegida-Demo, der als Hutbürger unfreiwillige nationale Berühmtheit erlangte. In dem Text mit Mitmach-Refrain („Sie haben mich ins Gesicht gefilmt! Das dürfen Sie nicht, das dürfen Sie nicht!“) bezog er klar Stellung für die Pressefreiheit und gegen den schäbigen Begriff der Lügenpresse, während er im dritten Text über das Dorfleben sinnierte („Ich komme aus der einzigen Bevölkerungsgruppe in Deutschland, die man noch diskriminieren darf, nämlich die der Dorfbewohner“).

Worte spielten auch bei KARLHEINZ DEICHELMANN eine entscheidende Rolle, diese wurden zusätzlich von PAUL STREICH musikalisch kommentiert. Deichelmann, der mit seinen Soireen immer wieder für gehobene Unterhaltung sorgt, präsentierte an diesem Abend Texte weniger bekannter Autoren, die er und Streich der Vergessenheit entrissen. Alexander Moszkowski ist in der Tat nicht gerade eine literarische Berühmtheit, aber das zu Unrecht. Passend zur aktuellen Pandemie trug er das von ihm verfasste Gedicht „Überall Bakterien“ vor(„Nee, ick sag schon! Von dem Leben hat man nischt als wie Verdruß, weil man die verfluchten Dinger immerzu verschlucken muß! Alle Dage muß man lesen. wie det Kleinzeug uns bedroht!“). Streich spielte hierzu unter anderem Stücke von Moszkowskis Bruder Moritz.

Im Anschluss erzählte die Vorsitzende des Lincoln Trägervereins, MICHAELA LANGNER, dass man trotz der schwierigen aktuellen Situation weiter um das Überleben der Kleinkunstbühne kämpfen werde. Langner zeigte sich hinsichtlich vielseitiger Unterstützung und Spenden sehr dankbar. Ohne diese würde die Zukunft eher düster aussehen. Im Moment sei ein Überleben bis ins kommende Jahr zumindest gesichert. Zu zukünftigen Veranstaltungen können lediglich 60 Besucher empfangen werden. Pausen werden keine stattfinden, sodass man auch auf die Einnahmen aus dem Getränkeverkauf verzichten muss. Moderator Schulz betonte zudem die Bedeutung der Bühne für zahlreiche Wormser Theatergruppen, die ansonsten keine Möglichkeit zum Spielen haben. Bevor das Publikum in die Pause entlassen wurde, zeigte Schulz ein paar Ausschnitte aus dem jüngsten Theaterprojekt der Gruppe Szene9, das im Rahmen des Pfeddersheimer Kultursommers seine Uraufführung erlebte und ab 9. Oktober bei You Tube zu sehen ist. Die Szenen dieser stark modernisierten Fassung des Nibelungenlieds machten schon mal Lust auf mehr. Nach der Pause sorgte Slammer Beitzel ein weiteres Mal für gezielte Angriffe aufs Zwerchfell.

Theater Curiosum, eine weitere Theatergruppe, die ihre Heimat im Lincoln hat, unterhielt mit abwechslungsreichem Impro-Theater, während Kulturkoordinator Dr. DAVID MAIER mit seinem früheren Twinset-Mitstreiter MATTHIAS SCHÄRF zeigte, dass er trotz intensiver Schreibtischtätigkeit das Singen nicht verlernt hat. Im akustisch reduzierten Gewand verliehen die beiden Songs wie „Black Hole Sun“ und „I Follow River“ eine berührende Intimität und lieferten zugleich den passenden Soundtrack für einen entspannten Ausklang eines vielseitigen Abends.

Fazit: Das Lincoln lebt, benötigt aber weiterhin Unterstützung, so lange kein normaler Kulturbetrieb möglich ist. Bis Normalität wieder einkehrt, dürfte allerdings noch einige Zeit vergehen.